Was mir gehört

Der Morgen begann wie einer dieser zum Verlieben bestimmten, kalt sonnigen Samstage, wenn dir auf den Einkaufsmeilen die ersten Frühlingsdüfte in der Nase jucken und schwatzende Mütter mit ihren kreischenden Kindern um die Wette lachen. Ausschlafen wird für mich zur immer größeren Priorität, dann bewege ich mich gleich in die für Studentengehälter doch recht ansehnliche Wohnküche um den Teig meiner Hefebrötchen vorzubereiten. Es beginnt diese eine Stunde Gehzeit, ich nenne sie freie Zeit, eine Zeit ohne Pläne und ohne Gedanken an eine möglichst durchgeplante, zeitlich optimierte Tagesstruktur. In dieser Stunde bin ich eine alte, summende Hausfrau, öffne die Fenster, schlage meine Decken aus und werfe einen ersten Blick in meine Süddeutsche – Zeitungs- APP. Am liebsten sind mir Tage, an denen ich so lange schlafe, dass das Frühstück zum Mittagessen wird, ich kann dann gleich drei Brötchen essen, mein Bauch wölbt sich zufrieden dem herrlichen Wohlstand. Und so sitze ich am Frühstückstisch, wiege zwischen Entspanntheit und der gelegentlich durch Schritte aus der Ferne verursachten inneren Unruhe, jemand könnte in den Raum platzen und mich in meinen eigenen Gedanken stören. Ein Paradebeispiel meines täglichen Gefühls Auf- und Abs, schon bei dem Gedanken daran muss ich über mich selbst schmunzeln.

Der Tag ist schön allein, und so plane ich auch alles, was heute noch kommen mag. Ungeachtet der Anfragen meiner Freundinnen verlasse ich wie gewohnt das Haus mit mir allein. Ich schließe die schwere Tür unseres gelben Hauses hinter mir. Eigentlich schließt sie von allein, und die Sonne legt sich wärmend auf meine Wangen. Ich rieche den vertraut trockenen Reisgeruch von Akakiko und atme die kalte Luft ein, tanke meine Lungen mit frischer Stadtluft.

Begegnung

Ich sehe einen in Lumpen gekleideten Mann am Bürgersteig auf Asphalt liegen. Sein Kopf ragt über den Bordstein hinaus und befindet sich bereits im Bereich der alten Schienen des Franz – Josefs – Bahnhofs. Verwundert blicke ich mich um, sehe Menschen, die auf den Boden blicken oder auf die Anzeigetafel der Straßenbahn. 2 Minuten. Meine Schritte werden schneller. „Hallo? Können Sie mich hören? Sie müssen aufstehen.“ Ich höre keine Antwort. Ein, ich denke 75 jähriger, kräftiger Mann schaut mich hilflos an. „Ist Ihnen schlecht?“ ich versuche, ihn unter den Schultern zu greifen, um seinen schweren Kopf auf den Bordstein zu legen. Der alte Mann schaut mich an und lässt es geschehen.
Da sitze ich nun, an die Wand eines geschlossen Kiosks gelehnt, neben mir der mit letzter Kraft aufgerichtete, alte Mann. „Wie alt bist du?“, fragt er aus dem nichts. „zweiundzwanzig“, sage ich und mustere sein vernarbtes, rosafarbenes Gesicht. „Viel wie dreiundvierzig und…. ähm…“. Ich kann ihn nur schwer verstehen. „Ich sehe aus wie 43?“ Ich muss ein bisschen lachen. „Wie alt sind Sie?“ – Er atmet schwer. „Alles meine… Schuld. Ist meine Schuld.“ Ich nicke und schaue ihn an, sehe, wie sein Gesicht verzerrt, während er versucht, zu erklären. „Wo wohnen Sie?“ frage ich, rhetorisch. „Meine Frau in Polen. Alles meine… Schuld.“ Ich habe einen Kloß im Hals, mustere ungehindert sein von Verletzung und Unglück gezeichnetes Gesicht. Er erzählt von einer Flasche Wein und vom Hospital, von seinem schmerzenden rechten Arm und dass er gestern auf die Knie gefallen sei. Ich höre ihm gespannt zu und je mehr er erzählt desto mehr verstehe ich.

Nach gefühlten 30 Minuten trifft der Krankenwagen ein. Ich winke ihn zu mir, doch der Fahrer im Wagen verharrt auf der anderen Straßenseite. Verwundert schaue ich meinen Bekannten an und wir warten. Irgendwann setzt sich der Krankenwagen in Bewegung und hält unmittelbar auf den Straßenbahngleisen. Der Mann auf dem Beifahrersitz öffnet das Fenster und schreit mir von weitem zu: „Haben Sie den Krankenwagen gerufen?“ Ich nicke und atme erleichtert auf. „Ja, Sie müssen sich schon bemerkbar machen junge Dame, nicht so da rumsitzen.“ Ich verstehe nicht und beginne, mich zu verteidigen. „Ich hab gewunken und…“ „Nichts da, Sie haben nicht gewunken.“

Ich richte mich auf und in Zeitlupe beobachte ich, wie der Sanitäter aus dem Wagen steigt. Nun steht er vor uns, blickt den alten Herrn an, murmelt etwas von „Stammkunde“ und greift ihn unter den rechten Arm. Grob und ungeachtet der Schmerzen seines „Stammkundes“, zieht er ihn mit sich zum Wagen. Noch verwundert über die trostlose Mobilisierung eines so instabilen Mannes beobachte ich, wie der Sanitäter bereits auf seinen stolzen Beifahrersitz steigt.
Ohne ein Wort, ohne einen letzten Blick zu mir, sehe ich, wie die Sanitäter die Räder ihres Krankenwagens in Bewegung setzen, sehe wie sie immer kleiner werden, bis der Wagen im Strom der dreigleisigen Straße verschwindet, als sei er und all das, was gerade passiert war, nie da gewesen.

Ich steige in die Straßenbahn und alles fühlt sich seltsam, surreal und kalt an. Ich denke an ein kürzlich im Internet veröffentlichtes Hassvideo einer Pegidademo, denke an die umherstehenden Passanten des Franz – Josefs – Bahnhofs und denke an einen Sanitäter, der kaum älter war als ich selbst. Ich denke und verstehe nicht.

Und dann denke ich an den alten, verwundeten Mann, an seine verschwommenen Worte und wie sie mit der Zeit eine traurige Geschichte formten. Ich denke und verstehe.

Wien ist nicht cool

Wien ist nicht cool. Wien ist nicht Berlin, Wien ist nicht Hamburg. Wien ist nicht London, nicht New York und niemals Paris.

 

Wien ist nicht hip. Wien ist nicht neu, nicht avantgardistisch und niemals modern.

 

Verdammt, denke ich, hier passiert echt gar nichts. Ich laufe auf breitem Bürgersteig durch die Gassen des 9. Bezirks, um mich herum hohe Reihenhäuser die den Altbau der Gründerzeit am Leben erhalten. Der Wind peitscht mir von allen Seiten ins Gesicht, mein Hals friert und ich bin verärgert über die Blendung der Stadt. Die Sonne hat so schön ausgesehen, als ich mich durch die hohen Fenster meines warmen Zimmers vom Bild der Stadt verarschen ließ. Heute morgen. Jede von Stoff befreite Oberfläche meines Körpers stellt sich nun auf kalt verzerrte, raue Haut ein.

Ich werde wütend. Nichts ist hier ehrlich, denke ich, selbst die Sonne lacht dir dreckig ins Gesicht während deine Lippen spröde Hautfetzen bilden.

Betrübt schaue ich in die kleinen Schaufenster der Porzellangasse. Noch nie habe ich auch nur eine Menschenseele in einem ihrer Läden gesehen, nicht mal ein Verkäufer ist mir zu Gesicht gekommen. Da fällt mir auf, dass ich selbst nach einem Jahr kein einziges dieser Porzellan- und Antiquitätenläden betreten habe. „Herst, schauns doch moi wo Sie hinrennen!“ Eine junge Frau in Joggingmontur steht vor mir. Ihre Stimme ist aufdringlich und unangenehm laut. Sie hört nicht auf zu joggen und trippelt unruhig auf der Stelle. Aufgerüttelt weiche ich nach rechts, während sie meine linke Schulter streift. Ich höre immer leiser werdendes Fluchen, bis ihre lauten Schritte und unsere Entfernung ihre Gefühle verstummen lassen.

Meine Wut wächst. Ich bin wütend auf den Wind, auf die laute Frau und die kleinen Porzellanläden mit ihren niemals anwesenden Verkäufern. Aus meiner Wut heraus werde ich sentimental und es gelingt mir, kleine Tränen aus meinen Augen zu locken. Ich sehne mich nach jungen Menschen, nach Freigeistern, nach Künstlern! Ich wünsche mir eine Stadt in der jeder jeden liebt, in der das Fremde das Schöne ist, in der sich treiben lassen bedeutet, dort zu landen wo man sich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wünsche mir eine Stadt wie Berlin, wünsche mir Partys und Alkohol, wünsche mir das Gefühl Neues zu tun, Fehler zu machen und jung zu sein. Ich wünsche mir Freunde die Abends zum Chillen in einer dreckigen Zweizimmerwohnung die Wände verqualmen und mit mir über Joseph Roths Hotel Savoy philosophieren.

 

Ein Herr Mitte 40 schlängelt sich inklusive seines Stadtrades an mir vorbei. „Das ist für Fußgänger!“

Ich sage es ganz leise, wie zu mir selbst, und der Mann ist längst außer Sichtweite. Verärgert über den blinden Radfahrer blicke ich noch leicht benommen von den seichten Tränen meines Tagtraums ins Schaufenster des „Catrinette“. Wieder keine Menschenseele, fährt es mir durch den Kopf. Und plötzlich sehe ich eine Bewegung hinter der blau umrandeten Glastür, beobachte, wie eine dicke alte Dame ihre wertvollen Porzellankannen poliert. Und dann fange ich an zu grinsen, über mich selbst, über uns alle und über all die Nichtigkeiten. Ich lege meine Hand um den blauen Türknauf. Vielleicht werde ich fündig, denke ich, denn Abends zum Chillen in unserer sauberen Fünfzimmerwohnung gibt es nichts Schöneres, als mit einer alten Kanne Tee über Joseph Roths Hotel Savoy zu philosophieren.

Wien ist nicht hip. Wien ist nicht neu, nicht avantgardistisch und modern schon gar nicht. Wien ist mein Zuhause.

 

 

 

Wenn ich schön bin

…bin ich glücklich.

 

Ich warte auf den Moment, in dem ich plötzlich schön bin. In dem meine Wimpern lang, mein Bauch flach, meine Beine dünn und meine Wangenknochen sichtbar sind.

 

Liebe Schönheit,

ich denke, es wird Zeit, nun doch persönlich mit dir K0ntakt aufzunehmen. Lange habe ich mich ferngehalten von dir, habe in den hintersten Reihen gesessen und dich stumm von weitem beobachtet.

Jetzt sitze ich in der ersten Reihe. Ich kann dich sehen, du schwebst auf der Bühne und tanzt. Klassisches Ballett, deine Spitzenschuhe klopfen sanft über den Holzboden und schmiegen sich an deine hübschen Knöchel.

Wie schön du bist! Alles an dir versinkt in unbändiger Schönheit. Ich fühle mich klein auf der harten, alten Zuschauerbank, kann nicht zuordnen mein Gefühl zwischen Neid und Bewunderung.

Wie glücklich du bist! Deine Arme folgen der Linie eines kreisenden Melos und Prokofjews Romeo verschwindet hinter deinem Bann. Und wieder das sanfte Klopfen auf Holz, die einzige kleine Ecke deiner kantenlosen Schönheit.

Doch was sehe ich? Der Boden verfärbt sich. Regnet es? Schönheit gib acht, das Parkett scheint deinem Können nicht gewachsen! Ich habe Angst du könntest dich verletzen auf dem feuchten Morsch. Ich möchte aufstehen und schreien,möchte erklären – doch du verstehst meine Sprache nicht.

 

Ich schaue zu, wie du zu Boden stürzt. Deine Kleider werden dunkel, fast schwarz vom heruntergeronnenen Regen. Du fällst in dich zusammen und ich erkenne, was ich einst für Regen hielt waren deine einsamen Tränen.

Von heute

Morgen, denkt sie sich. Nächsten Monat, sagt sie sich. Ein halbes Jahr? fragt sie sich.

Während Momente von heute verstreichen,

schmiedet sie Pläne für Momente von Morgen.

Während das Glück jede noch so kleine Spalte des knarrenden Fischgrätenparketts durchdringt,

schmiedet sie Pläne für Momente von Morgen.

Während alles in den Wogen liegt und

nichts sich verfängt,

während alle Liebe geschieht und

Glück an ihr hängt,

schmiedet sie Pläne für Momente von Morgen.

 

 

Ich und ein Trottel

Ich sitze im Café Phil, mein Laptop schmiegt sich warm an meine Oberschenkel, der starke Verlängerte bohrt sich aufrüttelnd in meine Gehirnzellen. Mir gegenüber sitzt ein Paar. Nein, es ist kein Paar, es ist ein gezwungenes Date, ein Tinderdate, ein Cityvisitingtreffen oder irgendwie so. Sie spricht nur Englisch, er passt sich an. Irgendwie tut er mir Leid dort auf der Couch, unruhig streifen seine Blicke die hohen Bücherregale des Cafés, da muss es doch irgendwas zum Reden geben. Er springt auf und greift nach einem großen, grünen Buch: „Der Baum des Lebens“, ein Kinderbuch. Verfehlt, denke ich, denkt sie. Er zeigt ihr eine Seite, bemerkt die unangenehme Stimmung und legt das Kinderbuch beschämt an seinen Platz zurück. Die beiden fühlen sich nicht wohl. Er weiß nicht was er sagen soll und redet und redet, sie weiß was sie sagen soll und redet nicht. Das Unbehagen ist Ihnen glaube ich gar nicht bewusst, es läuft halt einfach nicht so gut aber was solls. Vielleicht haben sie nicht viel erwartet. Mit mir wäre es ganz anders, denke ich. Ich würde für Gesprächsstoff sorgen, ihn zum Lachen bringen, Fragen stellen und den Baum des Lebens ansehen als sei es ein Fotoalbum mit Portraits von mir.

Ich hab nur irgendwie keine Dates. Es läuft nicht bei mir, würde ich jetzt zu meiner Mitbewohnerin sagen. Bei ihr liefs auch nicht, es lief bei uns beiden nicht, es lief also weder bei ihr noch bei mir. Bei ihr läufts jetzt, ich habe keine Dates.

 

Und nun sitze ich hier, alleine, mein Laptop schmiegt sich warm an meine Oberschenkel.

Das nächste Paar setzt sich mir gegenüber. Das Cityvisitingtinderdate hat sich bereits aus dem Staub gemacht, nachdem er ihr Frühstück bezahlt und sie daraufhin doch ganz nett war: „You payed everything? I ate the whole cheese!“ hahahahahahaha, Witz des Tages, denke ich, denkt er. Das neue Paar versucht, es sich auf der Couch gemütlich zu machen. Zumindest er versucht es, indem er seine Beine, also nur seine Unterschenkel, übereinanderschlägt. Das ist quasi das Beineübereinanderschlagen für echte, heterosexuelle Männer. Die Position passt nicht ganz, mit Ende dreißig, einem Hemd unter dem dunkelblauen Jack-Wolfskin-Pulli und der etwas engen, aber peppigen Chinohose muss er sich erst an die Couch gewöhnen. Er wechselt die Lage und rückt nun nah an seine Freundin heran. Sie studieren die Getränkekarte und sind glücklich über all den Input an Unterhaltungen (Kaffee Melange oder Cappuccino, Verlängerter oder Espresso?).

 

Als die Karte fertig studiert ist, beginnt sie mit dem Fuß zu schaukeln. Ihr Blick streift das Café. Just in dem Augenblick kommt der Kellner und bringt die Getränke – was ein schöner Tag!

Ich kann nicht aufhören, dieses seltsame Paar zu beobachten. Er ist wieder weggerückt, während ihre Hand seine Brust streichelt. Irgendwie fühlt er sich unwohl. Irgendetwas passt nicht und ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden sich wirklich gut finden. Irgendwie sind sie glücklich. Seine gelegentlichen Blicke zu mir irritieren mich zusätzlich.

 

Ich wüsste gerne, wie ich diese beiden Paare im emotional – ausgeglichenen Gemütszustand wahrgenommen hätte. Also, wenns eben bei mir laufen würde. Würde ich sie genauso trostlos wahrnehmen? Manchmal frage ich mich: wie kann es sein, dass immer ich die Vernünftige bin und alle anderen um mich herum die trostlosen Trottel.